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Full-refurbished und umweltfreundliche Pflegebetten - Zirkularität im Hilfsmittelmarkt

Hermann Bock GmbH

 

Das Unternehmen

Unser Motto: Care for people and nature

Seit über 100 Jahren steht das mittelständische Unternehmen bock mit Sitz im Herzen Ostwestfalens für Qualität. Als Pflegebettenhersteller heben wir uns besonders mit drei Themen ab: Made-In-Germany, evidenzbasiert und nachhaltig. Für diese Themen steht insbesondere der Erbe des Firmengründers und aktueller Geschäftsführer Klaus Bock ein. bock produziert komplett am deutschen Standort in Verl, arbeitet in der Verantwortung für den Menschen und setzt echte Nachhaltigkeit um. Diese Kombination macht uns zu einem starken Partner unserer Kunden.

 

Unsere Motivation

Der Ursprung der Motivation von bock für das Thema Nachhaltigkeit ist intrinsischer Natur. Wir sind nicht CSRD-berichtspflichtig. Die ersten Maßnahmen und Nachhaltigkeitsprojekte zielten daher auch nicht darauf ab, zirkuläre Geschäftsmodelle im Unternehmen zu etablieren. Doch der globale Wandel auf politisch-wirtschaftlicher Ebene bewegt sowohl die Wirtschaft als auch den Markt in die aus unserer Sicht richtige Richtung.

Nach einigen Prozess- und Wirtschaftlichkeitsanalysen, die durch die CO₂-Bilanzierung untermauert worden sind, waren wir in der Lage, zwei zirkuläre Wertschöpfungsmodelle zu entwickeln. Wir sehen im Thema Nachhaltigkeit keine auferlegte Bürde, sondern vielmehr eine Chance, dem globalen Klimawandel entgegenzuwirken und dennoch wirtschaftlich zu handeln.

 

Unser Weg

Es wurden zwei zirkuläre Wertschöpfungsmodelle etabliert, die sich überwiegend in der unterschiedlichen Motivation der Märkte unterscheiden.
Die ESG-getriebenen Kunden aus dem niederländischen Markt benötigen nachweisbare CO₂-Einsparungen in ihren Lieferketten. In diesem Zusammenhang sind vor etwa drei Jahren zwei Projekte entstanden: das „umweltfreundliche Pflegebett“ und das „Full-Refurbishment“. Beide Projekte sind miteinander verzahnt und ermöglichen die zirkuläre Wertschöpfung bei bock.

Das Projekt „umweltfreundliches Pflegebett“ beschäftigte sich mit der Neuentwicklung eines Bettes mit einem niedrigen bzw. reduzierten CO₂-Äquivalent. Die Konstruktion, die Werkstoffauswahl sowie die Lebensdauer der jeweiligen Komponenten waren wichtige Entscheidungskriterien im Produktentwicklungsprozess. Ein weiterer zentraler Aspekt war die Einbindung der Zulieferer, die aktiv das CO₂-Äquivalent ihrer Produkte beeinflussen können.

Das Ergebnis wurde am Ende des Entwicklungsprozesses durch die Verifizierung von drei Bettenmodellen nachgewiesen. Es wurden drei LCAs erstellt, die den Lebenszyklus eines Bettes ganzheitlich betrachten. Die Verifizierung erfolgte nach DIN EN ISO 14067 durch eine zertifizierte Akkreditierungsstelle. Viele Maßnahmen tragen erheblich zur Reduktion des CO₂-Äquivalents der Betten bei. Dennoch verursacht die Neuproduktion eines Bettes weiterhin einen CO₂-Fußabdruck.

 

 

 

 

Durch Sensitivitätsanalysen innerhalb der LCAs konnte ein größerer Hebel zur CO₂-Reduktion identifiziert werden: die Lebensdauer des Bettes. Daraus ist das Projekt „Full-Refurbishment“ entstanden.

Das Projekt „Full-Refurbishment“ beschäftigt sich mit der Wiederinstandsetzung alter, ausrangierter Betten, die eigentlich entsorgt werden sollen. Das Pilotprojekt wurde gemeinsam mit einem niederländischen Kunden aufgesetzt. Dabei werden alte, defekte Betten zurückgeholt, in einem Kategorisierungsprozess anhand von drei Kriterien bewertet und einer Kategorie zugewiesen. Die Kategorie gibt Aufschluss über die Wiederinstandsetzungskosten und bildet die Basis für die weitere Bearbeitung im Arbeitsplan.
Das Ziel ist es, jedes Bett auf ein A-Refurbishment(RFB)-Niveau zu bringen. Ein Bett auf diesem Niveau wird wie ein neues Bett behandelt und bewertet. Es entspricht den aktuellen Normen und Sicherheitsvorschriften und erhält eine neue Seriennummer. Ästhetisch weist es wenige bis keine Gebrauchsspuren auf. Die wichtigste Eigenschaft ist jedoch seine Fähigkeit zu einem vollständig neuen Lebenszyklus.

 

 

Das „Full-Refurbishment“ ist vollständig in den Produktionsablauf der bestehenden Fertigung integriert und nach DIN EN ISO 13485 (Analogie zur ISO 9001 im Medizinproduktebereich) zertifiziert. Der PCF für das refurbishte Bett wurde ebenfalls nach ISO 14067 verifiziert. Das refurbishte Bett verursacht lediglich ein Fünftel des CO₂-Äquivalents eines neu hergestellten Bettes. Der Erwerb dieser refurbished Betten wirkt sich positiv auf den Scope 3 der niederländischen Kunden aus und ermöglicht echte zirkuläre Wertschöpfung.

Im deutschen Markt hingegen besteht eine andere Struktur innerhalb der Krankenkassenversorgung. Für die Marktteilnehmer bestehen nur wenige Anreize für nachhaltiges Handeln. Ein neu entstandener Krankenkassenvertrag honoriert nachhaltiges Handeln für Verbände und Sanitätsfachhändler. Damit wird ein möglicher Weg aufgezeigt, nachhaltiges Wirtschaften und Handeln innerhalb der Wertschöpfungskette „Pflegebett“ positiv zu beeinflussen. Das entwickelte Modell ist jedoch hypothetisch auch auf andere Hilfsmittel wie Rollstühle oder Rollatoren anwendbar.

 

Die Stolpersteine

Innerhalb der Belegschaft musste viel Aufklärungsarbeit geleistet werden, um die Wirtschaftlichkeit und Sinnhaftigkeit der Projekte darzustellen. In der Anfangsphase standen Fragen wie „Lohnt sich das?“ oder „Wollt ihr keine neuen Betten mehr bauen?“ an der Tagesordnung.

Im niederländischen Markt wurden die Projekte sehr stark unterstützt. Im deutschen Markt hingegen fanden sie zunächst keinen fruchtbaren Boden. Die Idee eines zirkulären Wertschöpfungsmodells durch die Projekte „umweltfreundliches Pflegebett“ und „Full-Refurbishment“ ließ sich nur schwer platzieren. Die Wende brachte der neu ins Leben gerufene Krankenkassenvertrag, der nachhaltiges Wirtschaften im Hilfsmittelmarkt honoriert.

 

Keine Stolpersteine – aber wichtige Hürden:

  • Erstellung der drei LCAs/PCFs und deren Verifizierung
  • Aufbau einer separaten RFB-Linie und die damit verbundenen Investitionskosten
  • Zertifizierung des RFB-Prozesses und Integration in die bestehende Produktion
  • Etablierung im deutschen Markt

 

Die Erfolge

  • Das Refurbishment-Portfolio umfasst bislang einen Betttypen, der innerhalb der Krankenkassenversorgung/häuslichen Pflege verwendet wird. Innerhalb eines Jahres sind ca. 1.000 Pflegebetten auf ein A-Niveau gebracht worden. Diese Betten erhalten einen komplett neuen Lebenszyklus mit einer neuen Seriennummer.
  • Wir sehen in der Nachhaltigkeit keine Bürde, sondern einen USP. Gerade wegen der neuen zirkulären Geschäftsmodelle sehen wir unsere Wettbewerbsfähigkeit sehr gut für die kommenden Jahre aufgestellt.
  • Nach der anfänglichen Skepsis gegenüber dem neuen zirkulären Wertschöpfungsmodell sind die Mitarbeiter sehr stolz auf ihre Leistung. Die Qualität der Wiederinstandsetzung der Betten ist im laufenden Jahr vehement gestiegen. Die Mitarbeiter sehen den Zustand des Bettes in dem es ankommt – und die Mitarbeiter sehen das Ergebnis am Ende des Prozesses.
  • Im Jahr 2024 ist der CCF für das Jahr 2023 erfolgt. Das RFB hat im Jahr 2024 gestartet. Die Implikationen und Auswirkungen werden erst mit der nächsten Erhebung möglich.

 

So geht es weiter

Aktuell wird das Refurbishment-Portfolio sukzessive aufgebaut. Die nächsten Betten, die in das Refurbishment aufgenommen werden, sind Betten aus der institutionellen Pflege. Damit wird ebenfalls ein neuer Markt für uns erschlossen. Objektbetten haben eine höhere Komplexität und werden anders gehandhabt als Betten aus der häuslichen Pflege. Das heißt, auch hier muss eine komplett neue LCA erstellt und verifiziert werden. Zu dem bedarf es einer räumlichen und kapzaitätsbezogenen Erweiterung in der Produktion. 

Kooperationen spielen eine immer wichtigere Rolle für uns, insbesondere wenn es darum geht, ökologische Wirkung entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu erzielen. Wir arbeiten unter anderem mit Krankenkassen, Fachhändlern und wissenschaftlichen Partnern zusammen, um neue Modelle der zirkulären Versorgung zu testen und weiterzuentwickeln. 
Ein Beispiel ist die enge Abstimmung mit niederländischen Homecare-Unternehmen, die uns geholfen hat, die Refurbishment-Prozesse aus Kundensicht zu optimieren. Im deutschen Markt kooperieren wir zunehmend mit Sanitätshäusern, um Rückführungsprozesse zu professionalisieren und nachhaltige Versorgung wirtschaftlich attraktiv zu gestalten.

Die Grundlogik: Zirkularität funktioniert nur im Netzwerk, nicht isoliert in einem einzelnen Unternehmen.

 

Was wir anderen mitgeben möchten

1. Klein anfangen, konsequent skalieren.
Wir haben nicht mit einem großen Masterplan begonnen, sondern mit ersten CO₂-Analysen und realistischen Piloten.

2. Daten schaffen Orientierung.
Die CO₂-Bilanzierung war ein Gamechanger. Sie hat gezeigt, wo die größten Hebel liegen – nicht im Bauchgefühl, sondern messbar.

3. Zirkularität in die bestehenden Prozesse integrieren.
Das Refurbishment wurde nicht „nebenbei“ aufgebaut, sondern bewusst in die zertifizierte Produktion integriert.

4. Lieferanten frühzeitig einbinden.
Viele Verbesserungen entstehen nicht bei uns, sondern dort, wo die Materialien entstehen.

5. Skepsis ernst nehmen, aber nicht davon abbringen lassen.
Interne Fragen wie „Lohnt sich das?“ gehören zum Prozess. Mit Transparenz und Ergebnissen überzeugt man nach und nach das ganze Team.

 

Wie haben wir es geschafft? Wen haben wir gefragt, wie es weitergeht?

Wir haben eine Mischung genutzt aus:

  • internem Know-how aus 100 Jahren Pflegebettbau,
  • Wissen externer Sachverständiger (z. B. für LCA/PCF und Zertifizierungen),
  • intensivem Austausch mit Kunden, die konkrete ESG-Anforderungen haben,
  • Best Practices aus Europa, insbesondere aus den Niederlanden, die uns gezeigt haben, wie zirkuläre Versorgung in der Realität funktionieren kann.

Letztlich war es eine Kombination aus Fachwissen, Pragmatismus und der Bereitschaft, bestehende Prozesse in Frage zu stellen.

 

Unser Rat an die Politik

Wir brauchen:

  • Klare Anreizmodelle für zirkuläre Versorgung innerhalb der gesetzlichen Krankenversicherung. Nachhaltigkeit darf kein freiwilliges Nice-to-have sein, sondern muss wirtschaftlich attraktiv sein.
  • Eine Anpassung der Vergabepraxis, damit CO₂-Äquivalente, Lebensdauer und Reparierbarkeit verbindliche Kriterien werden.
  • Verlässliche Rahmenbedingungen, damit Unternehmen langfristig in nachhaltige Prozesse investieren können.

Wir wünschen uns:

  • Eine bundesweite Skalierung der neuartigen Kassenverträge, wie sie in Ansätzen bereits existieren. Diese Verträge zeigen, dass nachhaltiges Handeln belohnt werden kann – und wirken sich direkt auf Scope-3-Emissionen der Versorgung aus.
  • Förderprogramme für Unternehmen, die bestehende Produkte reparierbar machen, Prozesse umrüsten oder Rückführsysteme aufbauen.

Uns behindert:

  • Der Fokus auf den reinen Anschaffungspreis im Hilfsmittelmarkt, der die Lebensdauer eines Produkts ignoriert.
  • Fehlende Rückführungsstrukturen im deutschen Gesundheitssystem.
  • Zu enge Auslegung bestehender Regularien, die Innovationen im Bereich Refurbishment erschweren.

Kurz gesagt:
Die Politik müsste stärker unterstützen, was ökologisch sinnvoll, technisch machbar und volkswirtschaftlich logisch ist.

 

Wir reden gerne mit Ihnen!

Oleg Patrusev 
Sustainability
Patrusev@bock.net 
Tel: +49 (0)5246 9205-913

Hermann Bock GmbH
Nickelstr. 12
D-33415 Verl